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Timbuktu sehen oder untergehen

Auszug 1:

1. April 1853. Die kleine Gruppe kämpfte sich mühsam durch die Wildnis von Gundumi. Die Pferde führten sie an den Zügeln hinter sich her. Bei jedem Schritt gab der nasse Boden unter dem Gewicht von Mensch und Tier nach und verschlang ihre Füße bis zu den Knöcheln, um sie dann mit einem schmatzenden Geräusch wieder freizugeben. Zwei Afrikaner bildeten die Vorhut und schlugen mit ihren Macheten eine schmale Schneise in das ansonsten undurchdringliche Unterholz. Menschen und Pferde waren von Schlamm und Blut besudelt. Fingerdicke Blutegel krochen an ihren Beinen hoch und saugten sich fest. Immer wenn eine Hand den ungebetenen Gast abstreifte, bildete sich ein dunkles Rinnsal, das über die Füße auf den morastigen Boden tropfte. Große Stechmücken flogen aus ihren Verstecken auf und peinigten die Besucher mit schmerzhaften Stichen, die geschwollene Beulen auf der Haut hinterließen. Es war dunkel, und das fahle Mondlicht konnte nur schwach die Wildnis durchdringen.

Ein lautes Kreischen ließ die Reisenden vor Angst erstarren. Die Männer griffen instinktiv zu den Waffen. Mit kräftigen Flügelschlägen hob ein aufgeschreckter Vogel seinen Körper in die Luft und flatterte über ihre Köpfe hinweg. Erleichtert setzte der Trupp sich erneut in Bewegung. Leoparden bevölkerten diese Wälder. Lautlose Jäger, gut getarnt vom Blätterwerk der Bäume, die sich mit einem
gezielten Sprung in den Rücken des Opfers stürzen und ihm mit scharfen Zähnen den Hals aufreißen. Bei einer solchen Attacke blieb meist keine Zeit, um zum Gewehr zu greifen.

Eine der wenigen Frauen brach wimmernd zusammen. Der vor ihr gehende Mann drehte sich um und schlug ihr auf den Mund. Äußerste Ruhe war geboten. Jeder Laut konnte Feinden ihre Anwesenheit verraten. Wilden Tieren oder eingeborenen Jägern, die ihr Revier gegen Eindringlinge zu verteidigen wussten. Er zog die Frau hoch und trieb sie weiter voran. Seit zwanzig Stunden waren sie ohne Rast unterwegs und hatten erst zwei Drittel des Weges geschafft. An eine Pause war nicht zu denken. Es gab keinen Schutz vor der Nässe des Bodens. Die Wälder waren von Schlangen und giftigen Skorpionen bevölkert. Auch kein schützendes Feuer konnte angefacht werden. Es gab kein trockenes Holz, und der Schein würde sie sofort verraten. 120 Kilometer menschenfeindliche Wildnis mussten ohne Pause durchquert werden.

Auszug 2:

Die beiden Freunde schwimmen im pausenlosen Gewehrfeuer um ihr Leben. Immer näher schlagen die Geschosse um sie herum im Wasser ein. Doch die aufsteigende Panik setzt körpereigenes Adrenalin frei und verleiht ihnen dadurch schier unglaubliche Kräfte. Daniels Arme zerteilen regelrecht die Fluten. Die Druckwellen der jäh im Wasser abgebremsten Projektile umstreichen seinen Körper. Unwillkürlich fühlt er sich an die Massagedüsen eines Thermalbades erinnert. Da – ein greller Schmerz durchschneidet seinen Wadenmuskel. Sein Beinschlag kommt ins Stocken und seine Hand greift reflexartig nach unten. Für einen Augenblick fühlt es sich an, als ob er untergehen muss. Daniel nimmt sich zusammen und beginnt weiter zu rudern.

Resigniert lässt der Mann sein Gewehr sinken. Auf diese Entfernung und noch dazu bei Dunkelheit war es nahezu unmöglich, eine im Wasser schwimmende Person zu treffen. Mittlerweile haben auch seine Kameraden das Ufer erreicht. Der Anführer gibt zischend den Befehl, das Boot klar zu machen. Nur wenige Meter entfernt zerren sie ein kleines Motorboot aus dem Schilf. Nachdem sie einige Male am Seilzug des Anlassers gerissen haben, springt der Außenborder endlich an. Vier bewaffnete Männer nehmen an Bord Platz. Der Mann am Ruder steuert das Schiff mit geübter Hand hinaus aufs offene Wasser.

Das Geräusch des anspringenden Außenborders jagt den beiden einen gehörigen Schrecken ein. Aber zumindest haben sie einen ordentlichen Vorsprung. Das Ufer ist nicht mehr weit. Sie verdoppeln ihre Anstrengungen und halten im 90 Grad Winkel auf die flache Uferböschung zu. Doch der Motor hinter ihnen wird immer lauter. Sie wagen es nicht, sich nach ihren Verfolgern umzuschauen. Nur keine Zeit vergeuden. Plötzlich knallen wieder Schüsse über den Strom. Daniel registriert dicht neben sich die Einschläge. Das war’s jetzt, denkt er bei sich. Doch statt in Panik zu verfallen, breitet sich eine unheimliche Gelassenheit in seinem Innersten aus. Stoisch kraulen seine Arme weiter, seine Beine schlagen auf und ab, und alle zwei Züge dreht sich sein Kopf zur Seite, um Luft zu holen. Ruhig gleitet er im Wasser dahin, als wäre er beim Schwimmtraining, irgendwo auf dem Bodensee in seiner Heimat und nicht in einem krokodilverseuchten Fluss in Afrika, auf der Flucht vor den Taliban. Gleich würden sie ihn haben. Vielleicht hat Aische eine Chance. Sein Freund ist sicher eine Beckenlänge vor ihm. Bald würde er das rettende Ufer erreichen.

Einer der Männer steht auf. Er nimmt einen breiten Ausfallschritt ein, um das Geschaukel der Wellen ausgleichen zu können. Langsam hebt er die Waffe und blickt mit zusammengekniffenen Augen durch das Visier. Deutlich sieht er den dunklen Kopf des Schwimmers vor sich aus dem Wasser ragen. Mit ruhiger Hand korrigiert er den Lauf und sein Zeigefinger wandert zum Abzug. Doch genau in dem Moment, als er abdrücken will, taucht prustend ein großer Schatten neben ihm auf. Wutschnaubend attackiert ein gewaltiges Flusspferd das kleine Boot und der Mann fällt im hohen Bogen ins Wasser. Sie sind mitten in eine Horde Dickhäuter geraten und haben die Tiere aufgeschreckt. Reaktionsschnell dreht der Mann am Ruder bei und steuert das schwankende Schiff zurück in die Meute. Die Tiere reißen ihre riesigen Mäuler auf und blasen prustend zum Sturm gegen die Eindringlinge. Gewaltige Zähne blitzen im Mondlicht. Verzweifelt schlägt der über Bord Gegangene um sich und versucht über Wasser zu bleiben.