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Sabine Ludwigs

LITERATUR AUS LÜNEN!

DIE AUTORIN

Sabine Ludwigs (*1964 in Dortmund) schreibt seit 2004. Über sechs Jahre verfasste sie ausschließlich Kurzprosa. Es kam zu zahlreichen Veröffentlichungen in Verlags-Anthologien und Zeitungen sowie zu vielen Lesungsveranstaltungen. Mit dem Kurzkrimi-Band "Die Totmacher" erfolgte 2011 ihre erste Einzelveröffentlichung. Ihr Debütroman der „Sommer mit dem Erdbeermädchen“, mit dem sie auf Anhieb eine Leserschaft begeistern konnte, erschien 2012. Es folgten weitere Romane. Inzwischen publiziert die Lünerin vorwiegend Unterhaltungsromane.
Sabine Ludwigs wurde mit dem Friedens-Literaturpreis „Contra Krieg“ (Berliner Kulturring) und dem Literaturpreis „Ideale suchen“ (Ideale Stiftung) ausgezeichnet.
Einige Kurzgeschichten wurden von den Schauspielern Anita Kupsch, Marie-Luise Marjan und Ludger Burmann für Vorträge ausgewählt.
Ein Teil ihrer Arbeiten ist Unterrichtsmaterial für das Fach Religion/Ethik an weiterführenden Schulen, wie auch an Grundschulen (Leseförderung).

DIE BÜCHER

Der Schreibstil der Autorin ist bildhaft und ausdrucksstark. Sie erzählt in ihren Büchern dramatische Geschichten aus dem Leben, die sich oftmals um Verluste drehen. Ihnen wohnt etwas Dunkles inne, und gleichzeitig etwas, das Hoffnung macht. Fast immer schwingt ein Hauch von Übersinnlichem mit. Sabine Ludwigs verbindet ihre Fantasie mit persönlichen Eindrücken und alltäglichen Ereignissen: Das Schicksal trifft die Menschen meistens, wenn sie am wenigsten damit rechnen. Es ist dieser schwerwiegende Moment, in dem Sabine Ludwigs‘ Geschichten beginnen und sie ihre Figuren eine Fülle an Emotionen erfahren lässt. Starke Gefühle wie Trauer, Angst, Wut, Hass – doch ebenso Zuversicht, Freundschaft, Glück und Liebe.

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Die Totmacher

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Bloody Marys

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Der Sommer mit dem Erdbeermädchen

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Meine Seele weiß von dir

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Acht Tage bis zur Ewigkeit

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Stirb! Rotköpfchen

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TEASER - DIE TOTMACHER

Der Moloch

... Ich denke gern an den Duft des Blutes zurück. Und an seine Farben: spritzig und hell, warmes Dunkelrot, geronnenes Schwarz, trockenes Braun.
Meine Gedanken wandern weiter zu Blossom und ich erinnere mich an jede Einzelheit. Wenn ich allein bin, lasse ich die Bilder langsam in meinem Kopf abspulen. Immer wieder. Dabei habe ich das Gefühl, dass Blossom bei mir ist. Ganz nah. Dann fühle ich mich geliebt. Und das habe ich gern.

LESEPROBE - DAS LEBEN BIRGT EIN TÖDLICHES RISIKO

Miss M.

Schon als Christa die Nummer eintippte und ihr Handy ans Ohr hob, befürchtete sie, dass man ihr nicht glauben könnte.
Das taten sie nie, redeten nur beruhigend auf sie ein, in der Stimme eine Spur freundliche Herablassung, und mit genau demselben nachsichtigen Unterton, den man bei kleinen Kindern anschlägt.
Oder bei Verrückten.
Wenn sie ihre Rufnummer im Display der Telefonanlage erkannten, würden sie Blicke tauschen, mit den Augen rollen und erst dann abheben.
„Polizeiinspektion 1 in Dortmund, guten Tag, Miss M. Wie geht es Ihnen heute?“, würden sie sagen. Miss M.! Und das nicht etwa, weil sie Meier, Müller oder Melchior hieß – ihr Nachname lautete Linden - sondern in Anlehnung an Miss Marple.
Dabei war Christa mindestens dreißig Jahre jünger, attraktiv und betrieb eine eigene kleine Gärtnerei mit Schwerpunkt auf der Rosenzucht.
Ab Mittwochmorgen sollte sie im Westfalenpark die Beete neu bestücken, damit diese pünktlich zum Rosenfest ihre ganze Pracht entfalten konnte. Der Mutterboden war bereits vor zwei Tagen geliefert und aufgeschüttet worden und durch den Regen vorletzte Nacht zusammengesackt.
Sie hatte in der Mitte des Rondells angefangen und mit der Pflanzschaufel das erste Loch für die jungen Pflanzen ausgehoben, als sie etwas Helles zwischen den Schollen bemerkte.
Mit den Händen schob sie die Erde zu Seite. Ein Knicker!, dachte sie. In den Boden gedrückt. Wie kommt der denn her?
Die Murmel war grün, graugrün mit kupferfarbenen Sprenkeln, und ein wenig trübe angelaufen. Erdklümpchen klebten daran. Christa versuchte sie wegzupusten, aber eines entpuppte sich als schwarzer Fleck, der sich nicht fortblasen ließ. Sie entfernte ein bisschen Erdreich mit den Fingern.
Die Murmel wurde größer. Das Grün war von etwas Weißem umschlossen, glatt wie ein gekochtes, geschältes Ei, aber von haarfeinen roten Fädchen durchzogen.
Und plötzlich begriff sie, dass sie keinen Knicker freilegte.
Ihr wurde übel. Mit einem Ruck zog sie die Hände zurück. Was da vor ihr im Sonnenlicht in einem fahlen Grün leuchtete, war eine Iris.
Aus dem Erdloch spähte ein menschliches Auge.

PROLOG - DER SOMMER MIT DEM ERDBEERMÄDCHEN

Linas letzte Gedanken vor dem Einschlafen
Als ich zum ersten Mal starb, war ich vier Jahre alt.
Beim zweiten Mal vierzehn.
Wie oft kann ein Mensch innerlich sterben?
Wenn der liebe Gott allmächtig ist, dann müsste er das Böse, das Schlimme, das einem Menschen widerfährt, doch eigentlich verhindern.
Das tut er aber nicht.
Ich bin der Beweis.
Also ist der liebe Gott entweder gut, aber nicht allmächtig. Was bedeutet, dass es etwas Mächtigeres als ihn geben muss – und das wäre logischerweise das Böse.
Oder wir sind Gott scheißegal.

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PROLOG - MEINE SEELE WEiß VON DIR

Das Wasser war schwarz, kalt und schmeckte durchdringend nach Chlor. Ich versank darin. Ich versank und konnte nichts dagegen tun.
Es drang durch meine Kehle, die Nasenlöcher, in die Ohren. Und unter dem unglaublichen Druck platzten meine Trommelfelle. Gleichzeitig hatte ich das entsetzliche Gefühl, meine Augäpfel würden aus ihren Höhlen gedrückt. Lichtblitze zuckten stroboskopisch durch meinen Schädel.
Es tat weh zu ertrinken!
Überall. Am ganzen Körper. In meinem Kopf. Im Hals. Hinter den Rippen. In den Lungen. Im Bauch. Sogar in den Kammern meines Herzens.
Ich hatte keine Kraft. Bewegungslos hing ich in der Schwebe; ein Empfinden, als wäre ich aus aufgeweichtem Brot und mein Fleisch würde sich bröckchenweise von den Knochen lösen und davontreiben.
Mir wurde schwindelig. Doch schon im nächsten Augenblick meinte ich, in rasender Geschwindigkeit abwärts in einen unendlich tiefen Schacht gezogen zu werden. Eine Supernova explodierte hinter meiner Stirn, gefolgt von alles verschlingender Dunkelheit.
Es wurde tiefschwarz.
Und unglaublich still.
Daran erinnerte ich mich noch, als ich in der Klinik aufwachte. Und an eine von Zorn entstellte Männerstimme, kurz bevor mich die Lautlosigkeit verschluckte. Verzerrt und zischend, als würde sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorgepresst: „Ich bring dich um!“
Darüber denke ich nach. Hier. Im Krankenhaus. In der dämmrigen Wärme eines Kleiderschrankes, in den ich mich zurückgezogen habe. Ich kauere auf dem Holzboden und komme zu dem Schluss, dass mein sterbender Verstand mir wahrscheinlich einen bösen Streich gespielt hat. Nicht mit der Erinnerung an das Ertrinken. Aber mit der zischenden Stimme.
Auf einmal werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Jemand klopft mit harten Fingerknöcheln gegen die weiß lackierte Schranktür.
Ich erstarre.
Poch macht es. Poch ... Poch.
„Sina-Mareen?“
Die Stimme eines Fremden. Sie klingt sanft, beinahe zärtlich, und sie bringt meinen Nackenflaum dazu, sich aufzurichten.
Poch macht es wieder. Poch ... Poch.
„Sina-Mareen“, flüstert der Fremde. „Ich bin da.“

Irgendwo habe ich diese Stimme schon einmal gehört.

PROLOG - ACHT TAGE BIS ZUR EWIGKEIT

Ostersamstag 2009

Als er die Abkürzung über die Weiden nimmt, fällt ihm plötzlich auf, dass kein Wind geht. Nicht ein Blatt bewegt sich, kein Halm, nichts rührt sich. Sogar die Pferde stehen reglos – wie gemalt. Kein Grasen, kein Zucken mit den Ohren, Schweifwedeln oder Schütteln der Mähnen. Ein Leben wie im Standby-Modus, ganz so, als hielte die Zeit ihren ewig gleichen Lauf an.
Stille senkt sich herab: Tiere verstummen, Vögel schweigen, selbst die Insekten geben keinen Ton von sich. Es ist so lautlos, als hätte die Welt irgendwo ein Leck, aus dem sämtliche Geräusche herausgeflossen sind und stattdessen eine schwere, elektrisch aufgeladene Atmosphäre zurückgelassen haben. Unwillkürlich denkt er: die Ruhe vor dem Sturm.
Das Hellblau des Himmels beginnt sich von Cyan zu Dunkelblau zu verdichten, ballt sich zusammen, immer düsterer werdend, bis schließlich Sturmwolken in eigenartigen Formationen dahinjagen.
Fahles Licht wetterleuchtet hinter den Gebilden und lässt alles unirdisch erscheinen. Irisierende Partikel durchziehen die drückende Luft und plötzlich spürt er, dass sein Hemd an seinem Körper klebt.
Und dann – ganz sachte – beginnt das Wehen, das Rauschen in den Wipfeln, das sich Auswachsen des Windes. Mit der Stille ist es vorbei! Bald darauf peitschen heulende Böen die Bäume. Die Büsche und das Gras ducken sich und beugen sich dem Tosen. Die Pferde galoppieren wie toll auf ihren Unterstand zu. Es riecht nach Ozon.
Jetzt, denkt er, jetzt fängt es an zu regnen. Er wartet darauf, dass große, schwere Wassertropfen auf die Erde klatschen.
Doch es bleibt trocken.
Er legt den Kopf zurück und schaut direkt in den Blitz, der genau in dieser Sekunde niedergeht, einen, wie er ihn nie zuvor gesehen hat: ein gleißender Kugelblitz, purpurrot, ungefähr so groß wie ein Fußball, der einen kometengleichen Schweif hinter sich herzieht.
Geblendet schließt er die Augen und hebt reflexartig einen Arm, um sich zu schützen; all das geschieht rasend schnell. Und da schlägt der Blitz auch schon ein. Im gleichen Moment spürt er einen schmerzhaften Schlag gegen die Brust, als hätte ihn ein Knüppel mit voller Wucht getroffen und von den Füßen geholt.
Im nächsten Augenblick liegt er lang ausgestreckt auf dem Rücken, hilflos nach Atem ringend. Blind, taub, wie gelähmt, unfähig, auch nur einen Laut von sich zu geben. Er kann sich nicht einmal winden. Um ihn herum ist nichts als Schwärze.
Ein Summen in seinen Ohren.
Das Gefühl, als würde er schweben.
Bin ich tot?, denkt er. Vom Blitz erschlagen?
Das Denken tut weh. Also lässt er es.
Er weiß nicht, wie lange er so daliegt, bis ihm bewusst wird, dass er nicht allein ist. Einen Herzschlag später gelingt es ihm endlich, die Lider zu heben.
Da ist ein Licht. Ein Schemen. Nein, korrigiert er sich mühsam, eine Gestalt aus Licht.
Eine Lichtgestalt.
Schillernd, blassfarben, eigenartig durchsichtig.
Wunderschön.
Sein Haar knistert statisch. Irgendwie schafft er es, einen Arm hochzubekommen und seine Hand nach dem Wesen auszustrecken. Mehr noch, es gelingt ihm, den Kopf anzuheben und zu erkennen, dass dieses raue Krächzen seine eigene Stimme ist.
Und sie fragt: „Bist du ein Engel?“

PROLOG - STIRB! ROTKÖFPCHEN

An einem herrlichen Sommertag, gegen elf Uhr vormittags, haben sie unsere Jule im achteckigen Tempel der Ruhe im Bodelschwingher Wald gefunden.

Sechzehn Jahre jung. Nackt. Ohne Haare. Tot. Sie lag in der Mitte des offenen Oktogons, dessen Kuppeldach von acht mit Efeu berankten Säulen getragen wird. Hier hatte jemand ihren Leichnam vor dem Urnensockel, der schon lange keine Urne mehr trägt, aufgebahrt. Stehen die schmiedeeisernen Torflügel zu diesem kleinen Adelsfriedhof auf, wirkt er wie die Kulisse für einen Mystery-Thriller, mit zum Teil immergrünen Baumriesen, mannshohen Büschen und gepflegten, jahrhundertealten, um den Tempel angeordneten Gräbern, die aus der Grasdecke zu wachsen scheinen.
Und nicht zuletzt wegen der massiven Grabplatt e mit den sechs eisernen Trageringen, die vor den Stufen zum Tempel in die Erde eingelassen ist. Diese Platt e verschließt den einzigen Zugang zu der darunterliegenden Krypta; gleichzeitig symbolisiert sie eine Brücke zu der Welt der Toten. Eine Diesseits-Jenseits-Brückenplatte.
An sonnigen Tagen herrschen hier schattendurchwirktes Licht, Frieden und Melancholie, und nachts völlige Dunkelheit, Stille und Unergründliches. Ein Dunst scheint in der Luft zu liegen, der den Konturen ihre Schärfe nimmt. Stets ist es um einige Grad kälter als an anderen Stellen im Wald. Und stiller. Zumindest fühlt es sich so an.
Wegen all dem zieht der versteckte Friedhof unweigerlich die Aufmerksamkeit derer auf sich, die ihn passieren; wie die des Lepidopterologen vor vier Jahren, an jenem sechsundzwanzigsten August, als er unsere Jule fand.
Sie lag auf dem Rücken, die Arme neben sich, und ruhte auf einer Aufschüttung aus Laub und weichblättrigen Zweigen. Auf ihrem Körper spreizte sich ein Schwarm leuchtend blauer Großer Schillerfalter. Es waren Hunderte. Im prachtvollen Farbenspiel der Männchen ging die unscheinbare braune Färbung der Weibchen unter.
Unzählige Male habe ich versucht, mir das blaue Schillerwogen vorzustellen. Die glänzende Masse hauchdünner Schuppenflügel, ihre Farbreflexe und Zartheit. Das trockene Rascheln, wenn sie die Flügel bewegten. Es muss ein prächtiges Schmetterlingsgespinst gewesen sein, das Jule bedeckte. Geradezu märchenhaft.
Ich weiß das deshalb so genau, weil der Schmetterlingskundler es der Tratschtante Pätsch in allen Einzelheiten schilderte. Denn natürlich stand Martha Pätsch an diesem Mittwoch als eine der ersten Gaffer vor Ort. Sie, mit dem Aussehen eines begierigen, robusten Mopses, der Schlupfjeans und Sportschuhe trägt, lauerte an der Polizeiabsperrung. Und die Tratschtante kannte keinerlei Hemmungen, den Schmetterlingsmann auszufragen. Natürlich versäumte sie es nicht, das Erfahrene im Ort zu verbreiten.
Zumal der Mann ein schauerliches Detail fallen ließ. Nämlich, dass diese Falter einen besonders stark ausgeprägten Geruchssinn haben und zu den wenigen Arten zählen, die sich nicht von Blütennektar ernähren. Sie schweben an späten Vormittagen aus den Wipfeln der Bäume herab. Hinunter zu feuchtkühlen Waldrändern oder Lichtungen, wo sie sich an Wasser laben, an Exkrementen. Und an Aas. An totem Fleisch. Als die Pätsch das unter die Leute brachte, tat sie es mit einem bedeutsamen Flüstern bei den letzten beiden Worten, dem Tüpfelchen auf dem i. »Totem Fleisch.«
Das Flüstern wurde aufgenommen und von unsichtbaren Mündern weitergetragen. In Geschäfte, Wartezimmer, auf Plätze und Straßen. An Bushaltestellen. Auf den Markt, in Schulen.
Überallhin.
Man konnte es hören, ob man wollte oder nicht: »Blaue Schillerfalter … fressen … totes Fleisch.«
Flüsterflüsterflüster.
Wie das leise Rascheln lichter Schillerfalterknisterflügel.
Es passte absolut in die morbide Szenerie und zu der Art, wie Jule den Tod fand ...

MEHR ÜBER SABINE LUDWIGS

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