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Gedanken und Welten

...siehst du da einen Unterschied?

Die Welt, wie wir alle sie kennen, liegt vor mir, und doch sitze ich hier und mache mir meine Gedanken. So wie immer.

Mein Name ist Jamie Tyrone Davies, oder zumindest heißt ein Teil meiner selbst so. Dieser gewisse Teil wurde im Sommer des Jahres 2013 geboren, nein, viel eher nackt, hilflos und kläglich schreiend in diese Welt geworfen. Seine Berufung war jedoch von vornherein bestimmt. Jamie ist und war schon immer ein Künstler, der mit zweierlei Pinseln malt. Einerseits jongliert er mit Worten, bildet Sätze mit einem schönen Klang und einem unterhaltsamen Rhythmus, doch mehr noch, er kann ebenfalls zaubern. Er vollbringt es Identitäten, Orte und Konzepte von einer Realität in eine andere zu verschieben, ganz ohne großen Aufwand. Hat Jamie mal eine Idee, entstanden aus dem inspirierenden Inhalt einer Realität, fügt er sie einfach so in eine andere ein, indem er die Idee lediglich neu interpretiert.

Mal schauen, was ich von dem Tag noch weiß, an dem ich Jamie das erste mal begegnete...nun, es war ziemlich warm draußen. Angenehm warm, nicht so heiß dass einem der Schweiß in Litern über die Haut lief. Mir war langweilig, ich schaute trotz des hinreißenden Wetters TV-Serien und spielte Videospiele. Ganz recht, solche Hobbys habe ich, doch ich merkte meist nicht wie Jamie alles, was er durch meine Augen sah, in sich aufsaugte. Meine Persönlichkeit war gezwungen sich zu verändern, gar nicht so lange vor diesem Tag, und ich fühlte ein Ungleichgewicht in meinem Kopf. Nachdem ich meine frühe Jugend also damit verbracht habe zu stagnieren, mich in kaum einer Weise weiterzuentwickeln war ich nun an dem Punkt, an dem etwas besonderes in mein Leben Einzug nehmen musste. Jamie wusste das.

Es ist für mich noch heute unerklärlich. Jamie übernahm an diesem Nachmittag die Kontrolle über meinen Körper, hauptsächlich meine Hände und meinen Kopf, und legte das Fundament für meine Zukunft. Er fand einen Weg, durch den wir uns ausdrücken konnten, durch den wir uns eine Zukunft ausmalen konnten. Und mehr noch, Jamie erdachte sich durch meine Hände ganze Welten. Das tut er auch jetzt, pausenlos, und wenn ich bereit für seine Ideen bin gibt er mir einen kleinen Gedankenanstoß.
Warum all das so undefiniert und verschwommen geschrieben ist? Verzeihung, das ist Jamies Einfluss. Er hat einfach Spaß daran ein Geheimnis um seine Aufgabe zu machen. Jamie schreibt. Er hat es zu meiner Aufgabe, meiner Passion gemacht mit ihm zusammen zu schreiben, ob nun tatsächlich oder nur gedanklich in unserem Unterbewusstsein, Tag für Tag.

Tja, und da bin ich heute. Mittlerweile bin ich wahrhaftig Schriftsteller. Ich hätte es nie ohne Jamies Hilfe geschafft so viel Einfallsreichtum und Kondition anzusammeln, um unsere Gedanken Wirklichkeit werden zu lassen. Sie werden es nun sicher bereits erkannt haben: Jamie Tyrone Davies ist mein Pseudonym, doch ebenso ist er auch meine kreative Ader, die mich in meinen banal jungen Jahren bereits so unglaublich weit gebracht hat. Zu dem Zeitpunkt, an dem ich dies hier schreibe ist mein allererstes Buch noch überhaupt nicht erschienen, doch falls sie diesen Text hier irgendwann später einmal lesen und auch mal einen Blick in die Handlung von Our Sins geworfen haben fragen sie sich womöglich, warum ich für mein erstes Buch, dass sicher keine allzu große Reichweite erzielen wird, gerade so ein unübliches, mancher würde sagen unpassendes, Thema gewählt habe.

Nun, erstens wollte ich keine eintönige und genretechnisch kreisläufige Geschichte haben. Sie müssen wissen, zu Anfang war Our Sins, das übrigens erst im mittleren Akt diesen Namen erhielt, als Umsetzung meines eigenen kleinen Agenten-Thrillers gedacht. Doch das reichte mir nicht. Schön und gut, aber warum dann etwas so hochphilosophisches? Warum etwas so umfassendes? Die Antwort ist, dass ich selbst darauf keine konkrete Antwort habe. Jamie vielleicht, aber ich nicht. Werde ich dennoch gefragt sage ich immer, dass mich die Geschicke der Weltgesellschaft und ihre Integrität sehr interessierten, was sie heute auch tun, damals jedoch noch nicht. Und während Our Sins heranreifte, sich die Bögen der Story entwickelten, wuchs auch ich. Mein Wissensdurst, mein Ehrgeiz und meine Vorstellungskraft schossen über mein glücklicherweise verblasstes Ich hinaus.

Mehr als alles andere prägte mich das Schreiben in den letzten zwei Jahren. Nur zum Verständnis, mit "dem Schreiben" meine ich nicht im routinierten Ablauf Wörter in meines Tastatur zu tippen, nein, für mich hat das Wort "Schreiben" eine erweiterte, viel weniger simple Bedeutung erlangt. In Ermangelung eines für mich passenderen Begriffs, irgendeines Synonyms das meine Tätigkeit besser umschreiben könnte sage ich, dass das Schreiben etwas wie mein Lebensstil geworden ist. Wirklich alles, jede zwischenmenschliche Beziehung und jeder Umstand meiner Existenz hat sich durch diesen neuen Kurs verändert. Tatsächlich, wenn ich mal so darüber nachdenke, fällt mir nicht ein eindeutiges Beispiel ein bei dem dieser Lebensstil irgendetwas verschlechtert hat.

Jedoch führe ich mir immer wieder etwas sehr bedeutendes vor Augen, nämlich dass auch andere Aspekte meines Lebens Einfluss auf meine Schaffensprozesse nahmen. So sehr, wie meine vielen neuen Blickrichtungen mein Sozialleben beeinflussten und verbesserten übten sich auch meine Relationen zu Menschen, die mir wichtig wurden, mir nahe standen, sich von mir abwandten oder mich hassen lernten auf das Schreiben aus. Es ist mir nicht wichtig, ob Menschen in mir einen hochtrabenden Blender sahen, obwohl ich nur versuchte immer mein Bestes zu geben, oder ob Menschen in mir einen Altruisten ohne Gleichen sahen, obwohl ich nur versuchte für sie da zu sein und mein Leben so zu führen, dass ich anderen hier und da ein Lächeln schenken konnte. Wichtig ist mir nur, dass jede dieser Beziehungen, ob gut oder schlecht, sich auf meinen und auf Jamies Charakter ausgewirkt haben. Ich stelle mir gern vor, dass ich irgendwann jedem einzelnen, der ein Teil meiner letzten zwei Lebensjahre war, irgendwie persönlich meinen tiefsten Dank aussprechen. Leider, und das schmerzt mich am meisten, werden viele nie wissen wie viel mir die Bekanntschaft zu ihnen bedeutet hat und wie sehr sie mich bewegt haben.

Ich merke, wie wir langsam zum eigentlichen Kern dieses ellenlangen Textes vorstoßen. Ich bin von mir selbst erstaunt, dass ich tatsächlich so viel über mich und meine Ansichten hier hineinschreiben konnte. Hatte ich nicht erwartet.

Also nun, ich bringe es einmal auf den Punkt, ich bin kein besonders religiöser Mensch, trotz Taufe und Konfirmation. Ich fand meinen Glauben viel eher darin, dass ich alles innerhalb eines großen Netzes betrachte. Meine Handlung bewirken unterschiedliche Handlungen bei anderen, die als nächstes bei wieder anderen bestimmte Handlungen hervorrufen, und dadurch passiert irgendwo auf dieser Erde etwas bedeutsames. Somit erklären sich für mich Wundern, unglaubliche Glücksfälle und erschütternde Tragödien. Das nenne ich Schicksal, viele Ereignisketten übereinander gesponnen und verwoben. Eine Sichtweise, die zwar auch aus meinem Lebensstil folgerte, doch in gewisser Weise auch aus meinen Erfahrungen. In Reminiszenz an meine bedeutungsvollsten Erinnerungen ist dies die am meisten logische, aber auch atmosphärischste und alles in allem passendste Erklärung für all die scheinbaren Zufälle in dieser Welt, die ganze Existenzen ausmachen.

Ich hoffe wirklich, dass all das nicht zu manieriert geschrieben ist und dass sie meiner Denkweise, meiner Art mich auszudrücken, langsam auf die Schliche kommen. Das, was sie nämlich bis jetzt gelesen haben, war als Einstieg in meine persönlichen, vollkommen wirren Spähren gedacht. Dies sind die Säulen meiner Weltanschauung, und um nun den Kreis zu schließen kommen wir hier nun zum vorher bereits erwähnten Punkt zurück.

Meiner Meinung nach dreht sich alles um Balance. Alles für uns Menschen klar erkennbare, jede These und jeder Glaube, jeder einzigartige Gedanke und jede Vorstellung von Moral oder auch Spiritualität hat ein Gegenstück. Jeder von uns kennt das Bildnis, die älteste Geschichte von allen, Schwarz gehört zur Dunkelheit und Weiß zum Licht. Der Gegensatz schlechthin. Ich sehe unsere Welt also in Balancen, so hat jedes Ereignis, über das sie sich vielleicht freuen würden, womöglich eine negative Auswirkung für mich, in welcher Art der Äußerung auch immer. Missverstehen sie mich nicht, ich ordne die Welt nicht in Dunkel und Hell ein, auch ich erkenne Grauzonen wenn ich sie sehe, doch für den einen wäre diese Zone hellgrau und für den anderen dunkelgrau. Es kann kein mittleres Grau geben, weil unsere menschliche Unfähigkeit Perfekt zu sein das nicht zulässt. Mittelpunkte wären Perfekt, deshalb können sie gesellschaftlich und geistig gesehen nicht mit der Menschlichkeit koexistieren.