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Niemandsräume

eine utopische Spurensuche

1. Was kann die (zeitgenössische) Utopie heutzutage noch leisten?

Was kann die Utopie (vorrangig die architektonische Utopie) in unserer heutigen Zeit der Schnelllebigkeit, der Globalisierung und des Neoliberalismus, der Transparenz und des Internets noch leisten? – um nur einige Stichworte zu nennen, die häufig mit gegenwärtiger Architektur in Verbindung gebracht werden?

Um sich dieser sehr schnell gestellten komplexen Frage überhaupt erst nähern zu können, die gleichzeitig abstrakt aber genauso konkret anmutet (Kategoriebezeichnungen Ernst Blochs in „Das Prinzip Hoffnung“), ist es wichtig, die Spuren des Ursprungs sowie die Veränderungen des Utopiegedankens zu untersuchen.

Begonnen mit dem Scheitern der Moderne und der spät-modernen Generation, beginnt auch das große Scheitern der Utopie im Generellen. Den großen Erzählungen der Aufklärung, der Befreiung des Individuums und der Ideologien wird seit dem Postmodernismus, laut dem Philosophen Jean-Francois Lyotard, kein Glaube mehr geschenkt.

Heutzutage wird das Wort hauptsächlich negativ oder mit einem undurchführbaren Plan in Verbindung gebracht. Doch ist dieses linguistische Verwirrspiel noch zu entwirren? Die Utopie ist bestenfalls neutral. Niemals ganz das eine, noch das andere. Der positiven Kadenz folgt ein negatives Begleitinstrument. Für die weitere Instrumentierung prägte man die Begriffe Dystopie (Negativ-Utopie) und Eutopie (Positiv-Utopie) um der ganzen Sache auch kategorisch Einhalt gebieten zu können.

2. Niemandsräume

Die Ausgangslage für “Niemandsräume” bildet die Behauptung, dass die Utopie nicht als Bauaufgabe – also als gescheiterter Plan – sondern viel mehr als Werkzeug zu verstehen ist, gesellschaftsfähig, kritisch und künstlerisch zu arbeiten. Nach der Transformation von der Raum- zur in der Zukunft gelegenen Zeitutopie muss diese wieder vom Podest der Zukunft geholt werden. Denn wie soll man über eine Zukunft nachdenken, wenn man dadurch die Prozesse seiner eigenen Gegenwart, der „Generation App“, nicht einmal mehr versucht zu verstehen?

Eines der gegenwärtigen utopischen Hauptprobleme liegt darin, dass nicht oder kaum der Versuch unternommen wird, die Utopie genauso kleinteiliger zu denken, anstatt sie in erster Linie in globalen Maßstäben zu bemessen. Die diffizilen Zusammenhänge des eigenen Lebens stellen uns heutzutage stärker denn je vor schwierige Herausforderungen. Nicht die Überlegung nach der Form, des Aussehens ist die grundsätzliche Frage. Der wiedererstarkte Fortschritts- und Technikoptimismus, verleitet die Utopie als formale Spielwiese zu verstehen. Aber schon seit dem Namensschöpfer Thomas Morus und seinem auf Ambivalenzen aufgebauten Werk wissen wir, dass die Utopie keine Bauaufgabe ist. Die Möglichkeiten der Variabilität und Flexibilität der Kombinationen einer Vielzahl gängiger Entwurfsmethoden scheinen eher dazu beigetragen zu haben, dass die eigene Apperzeption getrübt wird. Es gibt nicht ein Ergebnis, auf das man warten sollte, das eine Bild, unter dem man einen Schlussstrich ziehen kann. Man darf nicht davon ausgehen, immer die eine, passende Lösung zu finden, denn es gibt viele Wege die zum Ziel führen.

Gerade unsere heutige Ergebnisorientiertheit hat dazu geführt, nur mehr Bilder und Lösungen zu produzieren.

Die Utopie kennt aber nicht die eine Lösung. Sie sollte vielmehr als Denkansatz verstanden werden, der vielschichtige Möglichkeiten aufzeigt, um sich den immer komplexeren, schnelleren Tendenzen der Gegenwart zu nähern und zu verstehen, um aber erst in weiterer Folge über die Zukunft dieser Gegenwart nachdenken zu können.

Wir benötigen eine neue Definition der Utopie!

Der Architekt, die Architektin sollte dabei aber nicht ein Fisch sein, der im Strom des Geldes mit schwimmt. Nicht den Diagrammen, welche Ideen rationalisieren vertrauen, sondern wieder der eigenen Intuition folgen. Wieder die eigene Umgebung wahrnehmen, anstatt den Entwurf als Massenprodukt sehen. Materialien berühren, anstatt in erster Linie zu fragen was sie kosten. Das Positive der Transparenz hinterfragen, dafür wieder Räume für Schicksale und Ereignisse ermöglichen. Anstatt einer Gleichheit des Verstehens nachzulaufen, wieder Mut zum Nicht-Verstehen zu haben. Nicht nur an das Licht, sondern auch an den Schatten denken.

Der Neoliberalismus hat uns die die Möglichkeit zum Scheitern genommen, die Utopie gibt sie uns wieder zurück.

3. Das Medium des Comics

Für die Ausformulierung dieser inhaltlichen Fragestellungen geriert sich das Medium des Comics als vielschichtiger Denkansatz. Als Künstlerische Ausdrucksform gewinnt es auch im Bereich der Architektur immer mehr an Bedeutung. Spätestens seit den 60iger Jahren ist es fester Bestandteil des künstlerischen Kanons und schafft eine unkonventionelle Voraussetzung, sich beide Seiten, einerseits das Gebaute oder Entwurf in unserem Fall die Utopie und andererseits die Gefühle der Bewohner/ Menschen vor und darzustellen. Der Betrachter wird Bild für Bild auf eine Reise in Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges eingeladen.

Über handgezeichnete Paneele/Bilder untersucht „Niemandsräume“ die Utopie als Möglichkeit eines kritischen, künstlerischen Entwurfswerkzeugs.

Die Zeichnung dabei ist eine unmittelbare Umsetzung eines zeitintensiven Konzipierens und Recherchierens.

Scheinbar diametral geriert sich dieses Medium im heutigen Architekturdiskurs. Langsam verhält sich die Zeichnung, jedoch ist diese Unmittelbarkeit eine direkte prozessuale Übersetzung, vergleichbar der ersten Ideenskizze. Das Comic „Niemandsräume“ ist der sichtbare Prozess des Versuches, sich einer selbst gestellten Frage zu nähern und in eine eigene Sichtweise zu übersetzen.