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Hippi de Toubib

Dichtung und Wahrheit

SAARBRÜCKER ZEITUNG
F R E I T A G, 3. J U N I 2 0 11, N R . 1 2 8 KULTUR S E I T E B 5
Interessante Bücher Heute stellen wir Neuerscheinungen vor, die eine Vielzahl an Themen behandeln – von der Evolutionstheorie über den Nahost-Konflikt bis hin zu erschütternd-ernüchternden Soldaten-Beichten
und einem amüsant-lehrreichen Buch über Erd- und Kulturgeschichte.

Saarbrücken.
Dichtung und Wahrheit
auf südfranzösische Art, geschrieben aus saarländischer Feder
Lassen sich Erdgeschichte, Menschheitsgeschichte und Kulturgeschichte auf allgemeinverständliche Art zu einem gut lesbaren Buch vereinigen? Was sich wie die Quadratur des Kreises anhört, ist dem Saarbrücker Ingenieur Frithjof Wundrack mit seinem Buch „Hippi de Toubib und der Hüften-Mann“ gelungen.

In einer Mischung aus Reportage, Sachbericht, Autobiografie und Essay hat der Autor entlegene wissenschaftliche und künstlerische Disziplinen zusammengefasst und erzählerisch miteinander verknüpft. „Dichtung und Wahrheit“ ist der Untertitel des Werks. In deutlicher Anspielung auf Goethes Lebensbericht will Wundrack damit sagen, dass die angegebenen Personen, Daten oder Ereignisse auf überprüfbaren Tatsachen beruhen, die literarische Form aber künstlerisch frei gestaltet ist. Um einen erzählerisch schlüssigen und zugleich unterhaltsamen Einstieg zu ermöglichen, bedient sich Wundrack eines formalen Kunstgriffs. Er legt die autobiographisch verknüpften Einzelberichte einem provenzalischen Ur-Einwohner in den Mund, der sich als direkten Nachfahren des Cro-Magnon-Menschen versteht. Schon ist die narrative Brücke geschlagen zu unseren Vorfahren des Palaeozon (vor etwa 40 000 Jahren) und den Forschungen, die diese menschheitsgeschichtliche Periode zu erhellen versuchen. Mit der Aufspaltung des Erzählers Hippi in eine zusätzliche Person (den „Hüften-Mann“) kann die verwandtschaftliche Beziehung zum Vor-Homo-sapiens, exemplifiziert an Hüftknochenfunden, breiter ausgemalt werden. Eine entscheidende Rolle bei der Aufarbeitung erd- und menschheitsgeschichtlicher Entwicklungsstränge spielt bei dem Erzähler das Sporttauchen. Henri Cosquer, so berichtet de Toubib, identifizierte 1991 im Mittelmeer bei Marseille den unter Wasser verborgenen Einstieg zu einer bisher unbekannten Grotte, die sich, übersät mit prähistorischen Wandmalereien, als wahre Fundgrube für die kulturgeschichtliche Entwicklung entpuppte. Das alles dient dem Autor zum knappen Abriss der Geschichte des Homo sapiens, die in lockerer Art Wissenswertes und Amüsantes geschickt verbindet.

Handlungsraum des Buches ist Südfrankreich zwischen Marseille, Aix-en-Provence und Toulon. Dass wir uns hier in einer bedeutenden Kulturlandschaft befinden, in der es immer schon von Wissenschaftlern, Exploratoren und Künstlern wimmelte, wird dem Leser ständig unter die Nase gerieben. In Hippis Plaudereien geben sich viele Prominente ein Stelldichein: so etwa Winckelmann, Cézanne, Jacques-Yves Cousteau, Saint-Exupéry sowie (im Exil) Lion Feuchtwanger oder Thomas Mann. Wieder vermischen sich Belehrung und Unterhaltung zum bunten Teppich. Ein sehr flüssig, plauderhaft und kurzweilig geschriebener Essay-Kranz mit stellenweise erfrischenden ironischen Einschüben und erhellenden literarischen Zitaten.
Viele Abbildungen helfen, Unbekanntes zu erklären.
Pes

Frithjof Wundrack: Hippi de Toubib und der Hüften-Mann
www.edition-winterwork.de 2. Auflage, 304 S., 19,90 €
ISBN 978-3-942693-34-9

PRODUKTION DIESER SEITE:
CHRISTOPH SCHREINER
ESTHER BRENNER